Warum die neuesten KI-Entwicklungen mehr über uns verraten als über die Technologie
Seit ich meinen KI-Newsletter schreibe – zunächst nur für mich, später auch für andere – hat sich die öffentliche Wahrnehmung von Künstlicher Intelligenz stark verändert. Damals war es noch ein Nischenthema, sich mit Modellen auseinanderzusetzen oder über Dinge wie RAG oder KI-Agenten nachzudenken. Heute diskutieren viele ganz selbstverständlich darüber, welches Modell sie für welchen Zweck einsetzen, und in Unternehmen gehören KI-Agenten längst zur IT-Roadmap.
Ich weiß noch nicht genau, wohin mich dieser Gedankengang führt – aber eines ist für mich klar: Wir müssen endlich über die „Studio Ghibli“-Diskussion hinauskommen. Style-Transfer ist keine neue Entwicklung, die erst mit Generative AI entstanden ist. Ich erinnere mich, dass Alexander Hendorf schon 2019 in seinen Präsentationen Bilder zeigte, die per KI stilistisch verfremdet wurden. Das war damals schon möglich – und wurde auch genutzt. Die eigentliche Zäsur liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in ihrer Verfügbarkeit. Heute kann jede:r sie nutzen. Und genau darüber sollten wir mehr nachdenken: Was bedeutet es für Technologie, nicht nur, dass sie existiert – sondern dass sie offen zugänglich ist?
Ein weiterer Punkt: Es dürfte kaum jemanden ernsthaft überraschen, dass diese Modelle auf urheberrechtlich geschützten Daten trainiert wurden. Wer jetzt verwundert fragt, wie Studio-Ghibli-Bilder in die Bildmodelle von OpenAI „gerutscht“ sind, ist entweder sehr naiv – oder verdrängt, was wir eigentlich längst wissen. Wir müssen endlich darüber sprechen, wie Urheber- und Markenrechte in Zukunft geschützt werden können. Und zwar wirksam. Diese Diskussion ist überfällig – eigentlich führen wir sie seit den frühen Tagen des Internets. Surprise.

Zum Schluss noch ein Gedanke: Wer sich heute darüber empört, dass Menschen „ohne Not“ ihr Gesicht an OpenAI schicken, um eine niedliche Ghibli-Version davon zu bekommen, sollte vielleicht mal kurz innehalten. Natürlich – wenn man zu den wenigen gehört, die kein Smartphone besitzen (das Gesichter automatisch erkennt, sortiert, Rückblicke erstellt), die keine Fotos in Clouds speichern, nichts über WhatsApp oder andere Dienste teilen und auch andere daran hindern können: Dann hat man in dieser Diskussion einen gewissen Vorteil. Dann sollte man tatsächlich genau überlegen, ob man sein Bild in ChatGPT hochlädt – oder das von Kindern oder anderen, ohne deren Zustimmung.
Ich weiß noch nicht, wohin dieser Text letztlich führen soll. Aber eines ist mir wichtig: Alle Menschen sollten anfangen, über Künstliche Intelligenz nachzudenken. Und über ihren eigenen Wertekompass im Umgang damit. Lasst euch nicht vom Sensationsjournalismus und Social-Media-Clickbait treiben, nur weil es jetzt süße Ghibli-Versionen von euch gibt. Reflektiert lieber die tatsächlichen Implikationen dieser Entwicklungen. Denn unsere Reaktionen und Bewertungen können wir beeinflussen – die Technologie dahinter immer weniger.
(Und wer sich fragt, warum ich über Studio Ghibli schreibe, der kann das Ganze hier nachlesen: https://aimagazine.com/articles/how-openais-new-image-model-sparked-the-studio-ghibli-trend oder den Podcast hier anhören: https://www.ardaudiothek.de/episode/der-ki-podcast/warum-ist-alles-studio-ghibli/ard/14368467/ )
Eigentlich wollte ich ja nur einen Newsletter schreiben 😀 Was denkt ihr dazu?